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Jüdischer Friedhof

Jüdischer Friedhof
© Reinhardhauke (Wikipedia)

Unter den fünf jüdischen Friedhöfen im heutigen Stadtgebiet von Bonn nimmt … der Friedhof an der Ecke Römerstraße/Augustusring eine Sonderstellung ein: Er ist der einzige, auf dem gegenwärtig noch bestattet wird. Er steht deshalb auch als einziger in der Obhut der Synagogengemeinde, während die anderen vom Grünflächenamt der Stadt betreut werden.

Als der Friedhof am 2. April 1873 geweiht wurde, lag er noch weit außerhalb der Stadt, jüdischem Brauch gemäß. … Die erste Bestattung erfolgte am 4. April 1873 für das Kleinkind Hermann Heymann, das am Tag zuvor gestorben war. Der später bei der Steinsetzung aufgestellte Grabstein ist erhalten und durch Größe und Verzierung hervorgehoben. (…)

Schon zu Beginn der 20er Jahre machte sich die Synagogengemeinde Gedanken über eine Erweiterung des Friedhofs, die damals noch möglich gewesen wäre, oder über eine Neuanlage. Durch die NS-Diktatur und ihre Folgen wurden diese Überlegungen einstweilen gegenstandslos. Doch ist heute die Situation wieder so, daß die Gemeinde vorsorglich ein neues Grundstück bei Ückesdorf erworben hat.

In seinem heutigen Erscheinungsbild spiegelt der Friedhof an der Römerstraße das Schicksal der Bonner Juden im 19. und 20. Jahrhundert wieder. Hier lassen sich - wie kaum an einer anderen Stelle der Stadt - die Parallelen und Bruchstellen deutsch-jüdischen Schicksals eindringlich ablesen. Vielen Bonner Juden hatten 1870/71 und im Ersten Weltkrieg als Soldaten mitgekämpft. Die Bonner Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten (RjF) und die Synagogengemeinde ehrten das Andenken der 1914/18 Gefallenen durch ein Ehrenmal gegenüber dem Eingang, das der Bildhauer Jacobus Linden schuf und das am 1.11.1930 eingeweiht wurde. … Zweieinhalb Jahre späüter begann die Judenverfolgung, die auch in Bonn Hunderte von Opfern gefordert hat.

Der Bonner Vorsitzende des RfJ, Rechtsanwalt Siegmund Mayer, der bei der Denkmalweihe ebenfalls eine Gedenkrede gehalten hatte, wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Dem Andenken der Holocaust-Opfer gilt ein anderes Mahnmal, das am 26. Oktober 1950 enthüllt wurde und auf dem Besucher des Friedhofs, jüdischem Brauch gemäß, Kieselsteine niederlegen.

Der Friedhof … unterscheidet sich grundlegend vom Bild traditioneller jüdischer Begräbnisplätze wie etwa Schwarzrheindorf oder Siegburg, wo nach jüdischem Brauch die Gräber sich selbst überlassen bleiben, nur mit schlichten Grabsteinen versehen, die im Laufe der Jahre verwittern, ohne Einfassungen und Blumenschmuck. Die Bonner Gemeinde war so assimiliert, daß ihr Friedhof in vielen Punkten einer christlichen Anlage ähnelt.

Hebräische Inschriften sind nur wenige zu finden; die meisten beschränken sich auf die hebräischen Anfangsbuchstaben der stereotypen Eingangs- (hier ist verborgen) und Schlußformel (seine/ihre Seele sei eingebunden in das Bündnis des Lebens). Nur eines ist auf diesem wie auf allen jüdischen Friedhöfen anders: Die Grabplätze werden durch die Angehörigen von der Gemeinde käuflich erworben und bleiben für alle Zeiten ihr Eigentum, denn nur so besteht die Gewähr, daß die Ruhe der Toten nicht angetastet wird, die hier im „Haus des Friedens“ eingekehrt sind. Deswegen widerspricht es auch jüdischer Gepflogenheit, Gräber gärtnerisch zu pflegen oder gar zu betreten. Eine Wiederbelegung alter Gräber ist grundsätzlich ausgeschlossen.

Jüdischer Friedhof
© Reinhardhauke (Wikipedia)

In der Bonner Gemeinde waren und sind die Kaufpreise der Grabplätze nur je nach Größe verschieden, sonst aber einheitlich festgelegt. In anderen Städten waren die Grabstättengebühren nach dem Einkommen gestaffelt. Der Gebührentarif der israelischen [sic: israelitischen] Gemeinde von Frankfurt am Main aus dem Jahre 1927 weist z.B. einen Mindestsatz von 20,- Mark und einen Höchstbetrag von 3.000,- Mark für einen gleich großen Grabplatz aus.

Die rund 1.050 Gräber des Friedhofs können nicht einzeln beschrieben werden; nur wenige seien genannt: Im vorderen Teil des linken Feldes sind angesehene Unternehmer bestattet wie Joseph Meyer, der Gründer der Bonner Fahnenfabrik, mit seiner Frau Julie, geb. Rothschild, ferner Leopold Zuntz und sein Sohn Albert, die Inhaber der von Rachel Zuntz, geb. Hess, gegründeten Kaffee-Großrösterei A. Zuntz sel. Wwe. (im Volksmund ist von der „seligen Witwe“ die Rede). Leopolds Gattin Julie, geb. Katzenstein ist schon am 27.09.1872 gestorben; sie wurde von Schwarzrheindorf hierher umgebettet, was im Judentum eigentlich nicht statthaft ist. Aber für Moses Hess (1812-1875), den weitaus berühmtesten Bonner Juden, Wegbereiter des Zionismus, wurde auch so eine Ausnahme gemacht, als seine Gebeine nach der Gründung des Staates Israel in Köln-Deutz exhumiert und in eine Ehrengrab am See Genezareth überführt wurden.

2012 hat die Stadt Bonn den Rheinuferteil, wo das Shoamahnmal steht, in Moses-Hess-Ufer umbenannt. 200 Jahre nach seiner Geburt erinnert sich die Heimatstadt ihres großen Sohnes. (Ergänzt auf Anregung von Wolfgang H. Deuling, Initiator der Umbenennung. Quelle des Zitates)

In einem der ältesten Gräber, kaum noch erkennbar, ist Jeanette Cahn bestattet, gestorben am 08.06.1873. Sie war die Witwe von Hermann Cahn, dem Enkel von Jonas Cahn, der 1772 das Bankhaus Cahn gegründet hatte, die Bank des gehobene Bonner Bürgertums. Jeanettes Schwager, Albert Cahn, war der Erbauer der Villa Cahn an der Mündung des Godesberger Baches. In diesem Viertel des Friedhofs sind auch die Gräber von Abraham Rosenthal und seiner Gattin Emilie, geb. Meyer, zu finden, die beide in Bonn gestorben sind. Ihr Sohn Philipp gründete 1879 die bekannte Porzellanfabrik in Selb.

Zu nennen ist auch Max Herschel, der vom Buchbinder zum Besitz der Geschäftsbücherfabrik „Hebona“ aufstieg. Von 1894 bis 1910 gehörte er dem Vorstand der Synagogengemeinde an und hat sich auch schriftstellerisch betätigt. In der ersten Reihe dieses Feldes finden sich die Gräber von Rabbiner Dr. Ludwig Pilippson und seiner Familie, Rabbiner Dr. Falk Cohn und Rabbiner Dr. Isaak Rülf. Philippson, der Reformer des Judentums, und Rülf, der engagierte Zionist, - stärkere Gegensätze lassen sich kaum denken!

Der relative Wohlstand der Bonner Gemeinde wurde nicht nur durch Unternehmer und Bankiers geprägt, sondern auch durch zahlreiche Ärzte, Juristen und Universitätsprofessoren, von denen mehrere auf diesem Friedhof ihre Ruhe gefunden haben, z.B. der strenggläubige Altphilologe Jacob Bernays (1824-1881), der auch Direktor der Universitätsbibliothek war, und dessen hinfälliges Grabmal als Zeichen seiner Orthodoxie gelten kann, oder der Geograph Alfred Pilippson, der mit seiner ebenfalls hier bestatteten zweiten Frau Margarete und der Tochter Dora von 1942 bis 1945 in Theresienstadt inhaftiert war.

Kennzeichnend für die liberale Einstellung des Bonner Juden und für die in Bonn herrschende Toleranz ist es, dass andere jüdische Gelehrte wie Rudolph Lipschitz, Johannes Frank und Moritz Nussbaum nicht hier auf dem jüdischen Friedhof, sondern in Poppelsdorf in christlicher Umgebung gebettet worden sind.

Im neueren Feld auf der rechten Site sind auf mehreren Grabsteinen Nachrufe auf Familienangehörige zu finden, die in den Vernichtungslagern umgekommen sind. Eine deutliche Sprache sprechen auch die Lücken in den Inschriften auf einigen Familiengräbern, auf denen der vom Steinmetz für Ehegatten oder Geschwister ausgesparten Raum ungenutzt blieb, weil der Angehörige den braunen Mördern zum Opfer gefallen ist. Als Beispiele seien nur zwei Gräber genannt: Caroline Cossmann, geb. Marx, (1860-1932). Ihr Mann, der Schumachermeister Leopold Cossmann, war ein stadtbekannter Mann, Vorsitzender des Athletenvereins „Eiche“ und eines jüdischen Wohltätigkeitsvereins. 1934/35 gehörte er der Repräsentanz der Synagogengemeinde an. Der 79jährige wurde 1942 deportiert und kam im KZ um. Nahe dabei ist auf dem Grabstein von Leopold Passmann (1862-1932) die Inschrift zu lesen: „Wie im Leben so im Tode vereint“; der zweite Name fehlt aber, denn der Bruder Leonhard Passmann wurde 1942 deportierte und ist in einem Vernichtungslager umgekommen. Beim Novemberpogrom 1938 war die Gastwirtschaft „Zum Keller“ in der Rheingasse, die von den Brüdern betrieben wurde, vom braunen Mob demoliert worden. Weiter vorn auf diesem Feld ist eine Reihe von einheitlichen Grabsteinen zu sehen. Hier sind Soldaten bestattet, die im Ersten Weltkrieg in Bonner Lazaretten an Verwundungen oder Krankheiten gestorben sind.

Ans Ende dieses kurzen Überblicks … sei eine zum Nachdenken anregende, ältere Grabinschrift gestellt: „Hier ruht eine elende Frau vom weiten Lande Russland. Ich bitte auf mein Grab nicht zu gehen, ich bin schon zu Hause und ihr seid noch zu Gast“.

Karl Gutzmer, in: Bonn-Nord - Die Wiege Bonns. Bonn 1997, S. 57ff.

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Kommentar von D.K. |

Leider wurde sehr viele der alten Eiben stark beschnitten. Der magische Charakter des Ortes hat dadurch etwas gelitten. Eine Anregung meinerseits wäre, zumindest auf die anscheinend ständige Geruchs- und Lärmbelastung durch die Laubbläser zu verzichten und hier die gärtnerischen Arbeiten mit der angemessenen Ruhe zu verrichten.