Erinnerungen

Kaffeerösterei Schlingschröder

Kaffeerösterei

Ein unangenehmer süßlicher, durchdringender Geruch durchzog mit schöner Regelmäßigkeit an zwei Tagen der Woche die Gegend um die Nordstraße, Drususstraße, Rheindorferstraße. Die Luft war schwer, ihr Niederschlag braun-gelblich. Es waren die „Rösttage“ der Dampfkaffeebrennerei Schlingschröder im Hinterhof der Nordstraße 65, deren Existenz auf diese Art schon von Ferne „unüberriechbar“ den „Fürsten-Kaffee“ ankündigte. Da sich weder über Geschmack noch Geruch streiten lässt, gab es auch einige wenige Freunde dieser speziellen Duftmarke des beim „Kaiserlichen Patentamt geschützten Kaffees“. Für die meisten aber war es ein übler Geruch. Er entstand, wenn die Kaffeebohnen beim Rösten für kurze Zeit bis auf 230 Grad erhitzt wurden. Dann verbreitete die pergamentartige Schale jenen charakteristischen Duft. Nach dem Rösten wurden die Kaffeebohnen in der alten Dampf-Kaffeebrennerei verlesen und verpackt.

1895 hatte Eduard Schlingschröder, Kaffeeimporteur aus Hamburg, in Bonn eine Kaffee-Rösterei errichtet. Der Kaffee wurde in der Nordstraße in Säcken angeliefert und auch erst hier verzollt. Kaffeesteuer war ebenfalls zu zahlen. 1919 stieg Fritz Heinrich Schnitzer, Kaffeeimporteur aus Rotterdam, als Komplementär in die Firma ein. 1952 kam Hans Schnitzer, Sohn des Komplementärs, als Lehrling nach Bonn, um das Kaffeehandwerk zu erlernen. Bereits mit 25 Jahren übernahm Schnitzer die Firma. Kundschaft der Firma Schlingschröder waren der Einzelhandel, Tante-Emma-Läden, später vor allem Kantinen und Restaurationsbetriebe. Der alte Firmenkopf der „Kaffee-Großrösterei“ präsentiert in stark idealisierender Fassung das Firmengebäude und die beiden Wohnhäuser 63 und 65. Beide Häuser wurden 1889 errichtet und stehen heute unter Denkmalschutz. 1980 musste die Firma aufgrund der Auflagen des Emissionsschutzes das Kaffeerösten einstellen. 1987 wurde Hans Schnitzer die Röstgenehmigung entzogen. Der „Fürsten-Kaffee“ zog nach Beuel. Die „antike“ Röstmaschine verkaufte Schnitzer nach Polen.

Wäre es nach dem Bebauungsplan vom Anfang der 80er Jahre gegangen, dann wäre die ehemalige Kaffeerösterei abgerissen worden. Dass sie heute bis ins letzte Detail als Industriedenkmal erhalten ist und vom Keller bis zum Dach wieder einer gewerblichen Nutzung dient, ist auf drei glückliche Umstände zurückzuführen. Am Anfang stand die mutige Entscheidung der Stadtkonservatorin Ursula Dambleff-Uelner. Sie stellte die ehemalige Fabrik unter Denkmalschutz. Und dann wurde Hans Schnitzer zu ihrem Hans im Glück: Johannes Kramer, Chef eines Unternehmen für Baudenkmalpflege, suchte eine Werkstätte für sein „Restauratoren-Team-Bonn“. Eine ideale Nutzung für das Gebäude! Die Erfahrung des Bonner Architekten Ralph Schweitzer und dem Engagement und der Sensibilität des Bauherren verdankt der Bonner Norden damit ein bis ins Detail vorbildliche restauriertes Industriedenkmal, das den Hinterhof der Nordstraße 65 als ein Schmuckstück ziert, leider fast völlig im Verborgenen. Hier arbeitet ein hochqualifiziertes Team unter der Leitung von Restaurator Lutz Sankowsky, das eine andere Art von Restaurierung betreibt: keine Bausanierung, sondern die Wiederherstellung beschädigter alter und moderner Kunstwerke.

Sicher liegt es an der völlig unveränderten Außenfassade aus groben Feldbrandziegeln, die nur gereinigt und nachgefugt wurden, dass die Restaurierung des Bauwerks dem Uneingeweihten gar nicht auffällt. Neben der Einfahrt mit ihrem Originalpflaster prangt noch das alte Firmenschild und daneben der emaillierte Ausweis der alten Kaffeerösterei als Denkmal des Landes Nordrhein-Westfalen. Eine rote Linie zieht den Besucher über den Hof in das Gebäude. Der Blick über die Fassade zeigt, dass die alten Eisenfenster im Originalzustand erhalten sind und nach alten Vorlagen gestrichen wurden. Vorher mussten sie allerdings von bis zu 17 Farbschichten befreit und verzinkt werden. Einfach war es nicht, das Innenleben dieses Industriebetriebs zu erhalten. Das Bauwerk war in einem desolaten Zustand. Das „Restaurations-Team-Bonn“ hielt jede Phase des sechsmonatigen Umbaus photographisch fest: Von den zuckerverklebten, rußgeschwärzten Räumen der Rösterei bis zu den Ateliers in leuchtend weißer Mineralfarbe. Man versuchte zu erhalten, was sich erhalten ließ: das typische Eisen-Treppenhaus mit Buchenholzstufen, die kreuzverstrebten Eisentüren und die Industrie-Kappendecke.

Die erste Etage beherbergt jetzt die Restaurierungsabteilung für Gemälde und ein mit modernsten Gerät ausgestattetes Foto-Studio. Der leitende Restaurator des Teams, Lutz Sankowsky, erläutert das Vorgehen bei einer Gemälderestaurierung: „Bei der Vor-Untersuchung mit Mikroskop, UV-Licht und Infrarot lassen sich Schäden, Unterzeichnungen und historische Veränderungen feststellen.“ Oft sei die Phase des Analyse und der Dokumentation eines Kunstwerkes genauso lang wie die seiner Restaurierung. Nach der technischen Untersuchung komme es wesentlich darauf an, die Gegebenheiten des Bildes und die Eigenart der Malweise des Künstlers herauszufinden und die dann konservatorisch umzusetzen, erklärt Sankowsky. „Der Restaurator ist kein Kunstschaffender, ich kann nicht malen“, räumt er mit einem gängigen Vorurteil auf.

Die Restaurierung der Ausstattung der Kapelle des Petersberges war einer der ersten Aufträge, die im Atelier in der Nordstraße geleistet wurden. Die gewaltige Figur eines Heiligen Nikolaus aus dem 15. Jahrhundert war lange das Prunkstück des Skulpturenateliers auf der zweiten Etage. Seine Restaurierung kostete 270.000 DM und dauerte fast drei Jahre. Die Skulptur wurde aus einem Stamm geschnitzt, ist 2,26 Meter hoch, 1,07 Meter breit und 85 Zentimeter tief. Sie stammt aus der Benediktiner-Abteikirche Brauweiler. Sieben Fassungen (Bemalungen) konnten nachgewiesen werden. Die hässliche graue des 19. Jahrhunderts ist jetzt gegen die hervorragend erhaltene, vermutlich vierte Fassung der Barockbemalung ausgetauscht worden.

Der enorme Restaurierungsaufwand wurde von mehreren Geldgebern finanziert. „Die Wiederherstellung des Nikolaus kann man auch aus diesem Grund als Musterrestaurierung bezeichnen“, freut sich Lutz Sankowsky.

Das Atelier ist von seiner Ausstattung her auch auf die Restaurierung moderner Kunst spezialisiert. „Oft verwenden zeitgenössische Künstler die unterschiedlichsten Materialien, die nicht harmonieren und nach kürzester Zeit Schäden hervorrufen können“, erklärt der Restaurator. „Der Gegensatz der Kunstwerke aus verschiedenen Epochen mit ihren individuellen Anforderungen macht den Reiz der Restaurierungsarbeit aus“, meint Sankowsky.

Kathy Kaaf, in: Bonn-Nord - Die Wiege Bonns. Bonn 1997, S. 88ff.

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