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Marienheim

Marienheim
© Maria im Walde

Das Marienheim ist heute eine Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe mit stationären und teilstationären Angeboten gemäß den § 27 ff KJHG (32, 34, 35, 35a, 36 und 41 KJHG) sowie einer Kindertagesstätte mit einer Kindergartengruppe, einer Tagesstättengruppe und einer altersgemischten Kleinkindgruppe.

Grundlage der Erziehungsarbeit ist eine christliche Glaubenshaltung, verbunden mit dem Bestreben, diese den Kindern und Jugendlichen im Alltag erfahrbar zu machen und ihnen somit eine tragfähige Orientierungshilfe für ihr weiteres Leben zu geben.

„Marienheim. Kaiser-Karl-Ring 10. Gegründet 1936. Kinderheim, Kindergarten. Hort, Heim für arme, verwaiste Obdachlose und gefährdete Kinder: Ambulante Pflege der Kranken und Armen der Pfarrgemeinde St. Joseph. Träger: Dienerinnen des Heiligsten Herzens Jesu von Wien“.

So beschreibt der Führer durch das katholische Bonn aus dem Jahre 1950 die vielfältigen Aufgaben, die die Schwestern des Ordens seit der Gründung des kombinierten Gemeinde- und Schwesternhauses im Jahre 1936 übernommen hatten.

Der erste Spatenstich für das Marienheim wurde im Juli 1935 am Kaiser-Karl-Ring neben der Josephskirche getan. Der Bonner Architekt Kappes hatte die Gebäude in rotem Klinker passend zum Baustil der Kirche geplant. Finanziert wurde das Heim von der 1866 in Paris „zur Unterstützung der arbeitenden Klassen“ und zur Krankenpflege gegründeten Herz-Jesu-Schwesternkongregation.

Die sieben Ordensfrauen, die sich in dem fertiggestellten Schwesternhaus niederließen, hatten die Genehmigung, einen Kinderhort zu eröffnen, und taten dies auch. Das Vorhaben, auch noch einen Kindergarten einzurichten, wurde ihnen jedoch von den zuständigen nationalsozialistischen Stellen durch die Auflage verwehrt, sie müssten hierfür zuerst ihr Ordenskleid ablegen und die NSDAP-Tracht tragen. Zu dieser Zeit war nämlich die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV), die Parteiorganisation für Wohlfahrtspflege, längst dabei, konfessionelle Träger aus den Einrichtungen wie Kindergärten oder -heimen herauszudrängen. Die NSV betrieb die Jugendhilfe unter „rassehygienischen“ und erbbiologischen Vorzeichen und erhob den Anspruch, für alle (erb-)gesunden Kinder zuständig zu sein. Kranke und sozial Schwache überließ man dagegen der „kirchlichen Liebestätigkeit“.

Auch der Kinderhort am Kaiser- Karl-Ring sollte auf Dauer nicht von diesen Bestrebungen ausgenommen bleiben Als die Nationalsozialisten 1944 die Einrichtung schließen und für ihre Zwecke nutzen wollten, verhinderten die Schwestern dies durch eine Nacht- und Nebelaktion. Sie betreuten nämlich auch die Jugendpsychiatrie des benachbarten Rheinischen Landeskrankenhauses. Von dort überführten sie zehn kranke Kinder unbemerkt in das Haus und quartierten sie im Marienheim ein. Damit hatten sie ihre Tätigkeit einem neuen Zweck zugeführt und erreicht, dass die Nationalsozialisten sie fortan in Ruhe ließen.

Nach dem Krieg sahen sich die Schwestern vor eine weitere Aufgabe gestellt. Zahllose Flüchtlingskinder, Kriegswaisen und Kinder Ausgebombter benötigten dringend Fürsorge und Pflege. Auch wenn das Schwesternhaus im Bombenkrieg beschädigt worden war, konnte das restliche Gebäude noch entsprechend benutzt werden. Die Stadt Bonn ersuchte die Schwestern, ein provisorisches Kinderheim einzurichten. So entstand, aus der Not der Nachkriegszeit heraus, das „Marienheim“ genannte Waisenhaus und Kinderheim.

Zwar war Bonn von den Alliierten zum Sperrgebiet für Zuwanderer erklärt worden, doch kamen immer wieder Flüchtlinge auf verschiedenen Wegen in die Stadt. Auch wurden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung im Marienheim aufgenommen. So kamen am 26. Juli 1945 drei völlig unterernährte Geschwister im Alter von vier bis sieben Jahren in das Waisenhaus. Der Vater der Kinder war im Krieg gefallen und die Mutter, eine Halbjüdin, kurz nach ihrer Befreiung aus einem Konzentrationslager an Typhus gestorben.

In diesem und ähnlich gelagerten Fällen bemühten sich die Schwestern sehr um eine Unterbringung der Kinder bei überlebenden Verwandten oder bei Adoptiveltern. In Fällen, in denen für Opfer des Nazi-Regimes eine Ausreise in die Vereinigten Staaten organisiert werden konnte, arbeiteten sie dabei mit der Europäischen Zentrale des „US Committee for the Care of European Children“ zusammen. Genau wie andere Einrichtungen dieser Art war auch das Marienheim in die umfassenden Angehörigen-Suchprogramme der Nachkriegszeit integriert.

Die Versorgungslage der unmittelbaren Nachkriegszeit stellte die Schwestern täglich vor neue Probleme. Der Pflegesatz, der von der Stadt gezahlt wurde, so klagte die Oberin am 8. August 1949 in einem Brief an den Gemeindepfarrer der St. Josephsgemeinde, „reicht knapp für die Ernährung und die regelmäßige Begleichung der Monatsrechnungen für Beheizung, Licht, Wasser; Schuhreparaturen und dergleichen“. Schon die Neuanschaffung von Bekleidung oder gar die Beschaffung von Weihnachtsgeschenken stellten eine kaum zu überwindende Hürde dar, wenn auch Spenden aus der Kirchengemeinde die größte Not lindern halfen.

Das allergrößte Problem der Anfangsjahre des Heims war aber wohl die Raumnot. In einer Mitteilung im Dezember 1949 heißt es: „Wir sind z.Zt. derart überbelegt,. daß wir uns bald keinen Rat mehr wissen. Es werden in den letzten Monaten so dringende Fälle eingewiesen, die man beim besten Willen nicht abweisen kann, wenn Kinder nicht körperlich oder seelisch verkommen lassen will“. Mit Erfindungsgeist und unermüdlichem Einsatz brachten die Schwestern um die 50 Kinder durch die harte Nachkriegszeit. An die dringend benötigte Erweiterung der Aufnahmekapazität war jedoch zunächst nicht zu denken.

Erst 1952, nachdem Stadt und Landesregierung Mittel bereitgestellt hatten, konnte mit einem Erweiterungsbau begonnen und die Raumnot gemildert werden. Etwa 80 Kinder, viele von ihnen Flüchtlingskinder und andere Opfer des Krieges, fanden nun in deutlich verbesserten Räumlichkeiten des Kinderheimes Aufnahme.

Trotz des Erweiterungsbaus herrschte jedoch weiterhin Enge, da der Andrang nicht nachließ. Erst 1962 verbesserte sich die Lage deutlich. Durch den Bau eines separaten Schwesternhauses auf dem Gelände des Marienheimes konnte der für die Kinder zur Verfügung stehende Raum erheblich ausgedehnt werden. Dieser umfasste nun vier Stationen, die mit Teeküche, Aufenthaltsräumen, Bad und Personalzimmern den Bedürfnissen der Heimgruppen besser gerecht wurden.

Zusammen mit dem Neubau wurde nach Plänen des Kessenicher Architekten Brodesser auch eine Aula gebaut, jedoch zunächst als Hauskapelle eingerichtet. Erst im darauffolgenden Jahr konnte sie zweckentsprechend genutzt werden, nachdem durch Aufstockung die neue Hauskapelle erstellt und (im Dezember 1963) von Weihbischof Ferche feierlich eingeweiht worden war.

In den sechziger Jahren stellten sich die Schwestern den veränderten Aufgaben heilpädagogisch orientierter Heimerziehung. Die Generation der Flüchtlingskinder und Kriegsopfer war aus den Heimen herausgewachsen. Entsprechend zeitgemäßen psychologischen und sozial- pädagogischen Erkenntnissen wurden Heimplätze abgebaut und die jeweilige Gruppenstärke von 24 auf 12 Kinder reduziert. Dies kam der individuellen Förderung und Persönlichkeitsentwicklung zugute. Auch war der allgemeine Geburtenrückgang an den Kinderheimen nicht unbemerkt vorübergegangen. Statt der Heimplätze waren zunehmend Plätze für die Tagesbetreuung gefragt, vornehmlich von berufstätigen Eltern.

Dem Bedürfnis vieler Alleinstehender entsprechend kam es 1972 zu einer erneuten Umstrukturierung des Kinderheimes. Eine Heimgruppe wurde geschlossen, dafür eine Kindertagesstätte für drei- bis sechsjährige Kinder eröffnet. Weitere bauliche Veränderungen wurden 1988 im Rahmen der Sanierung und zur Verbesserung der pädagogischen Arbeit in den Räumen der Heimgruppen durchgeführt.

Weitere Entwicklungen wurden 1992 mit Beginn der sozialpädagogisch betreuten Wohnformen, 1994 mit der Eröffnung der Außenwohngruppe und aktuell 2001 mit Eröffnung der heilpädagogisch orientierten Tagesgruppe vollzogen.

Auch in Zukunft wird das Marienheim bedarfsgerechte Angebote der Kinder- und Jugendhilfe anbieten, um so dem Bedarf im Sozialraum und der Stadt Bonn gerecht zu werden.

Peter Ackermann, Marienheim Bonn

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