Erinnerungen

Meine Jahre im St. Agnesstift

Buch
Glückliche Kindheit - Trostlose Jugend

Mathilde Simeoni berichtet in ihren Erinnerungen Glückliche Kindheit - Trostlose Jugend auch über die vier Jahre, die sie von 1949 - 1953 im St. Agnesstift verbringen musste. „Aber ich gehörte nicht zu den gefallenen oder verwahrlosten Mädchen, die dort untergebracht waren“, schreibt sie. Und wer damals in die „Fänge des Fürsorgenetzes“ geraten war, kam so schnell nicht wieder heraus:

„Hatte man mit 15 Jahren einen Freund und wurde bei einer Razzia nach Mitternacht ohne Begleitung eines Erwachsenen erwischt, so galt man als gefallenes Mädchen. Das hieß soviel, dass man eine Herumtreiberin sei.“

Im Heim angekommen erhielt die Sechzehnjährige die Erkennungsnummer 138 und hatte strenge Regeln zu befolgen. Einmal im Monat war Besuchstag, am Sonntag Nachmittag durfte man in Zweierreihen unter Aufsicht am Rhein oder in der Stadt spazieren gehen und einmal im Jahr erhielten die Mädchen eine Woche Heimaturlaub.

Die junge Mathilde wurde zunächst im Bügelsaal eingesetzt. Den 24 Mädchen war es dort bei Strafe untersagt, miteinander zu reden. Aber sie durften singen, und am liebsten sangen die Mädchen das Lied „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten …“

Mathilde Simeoni schreibt: „Wahrscheinlich haben die Jungpolizisten der gegenüberliegenden Polizeischule uns oft verwünscht wegen unserer Gesänge, denn die mussten sich ja im Unterricht konzentrieren.“

Nach neun Monaten als Büglerin kam Mathilde drei Monate aufs Flickzimmer, danach sechs Monate in die Waschküche, in der Wäsche von auswärtigen Kunden gewaschen werden musste. Arbeitslohn bekamen die Mädchen niemals, und Mathilde fühlte sich ausgenutzt. Die einzige Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen, war das Lernen für die Hauswirtschaftliche Prüfung: Wer als Wochennote eine Eins oder Zwei hatte, erhielt 2,00 DM als Belohnung.

Im März 1951 absolvierte Mathilde die Prüfung als Hauswirtschafterin und wurde anschließend als Angestellte in einem Bad Godesberger Haushalt eingesetzt. Aber „das Leben als Hausangestellte wurde immer unerträglicher“. So flüchtete sich Mathilde zu ihrem Vater nach Aachen. Wenig später musste sie erneut für zwei Jahre ins Heim, weil sie sich „draußen nicht genügend bewährt“ hatte.


Weihnachten 2009

Kurz vor Weihnachten 2009 besuchte Frau Simeoni ihre alte Heimat und schrieb folgende Mail an ihre Yahoo-Gruppe:

Liebe Ehemalige des St. Agnesstiftes,
diese Mail schreibe ich Euch aus Bonn, denn bin im Moment bei meiner Tochter zu Besuch. Gestern haben wir den Bonner Weihnachtsmarkt besucht. Ein wirklich großer und schöner Weihnachtsmarkt. Dann machten wir einen Bummel durch die schöne Bonner Stadt und anschließend ist meine Tochter mit mir zum Agnes-Stift gefahren.

Ich hatte den Wunsch, dieses Haus in dem ich vier Jahre meiner Jugend verbracht habe, nochmals zu sehen. Natürlich wusste ich, dass das Agnes Domicil das Haus übernommen hatte und es im Juni dieses Jahres geschlossen wurde. Trotzdem hatte ich die Hoffnung, einen neuen Verein dort vorzufinden. Als wir die Graurheindorfer Straße runter fuhren, war ich sehr bewegt, aber zugleich erfreut, das Agnes-Stift nochmals zu sehen. Als wir dann dort ankamen, stand noch überall der Name des Agnes Domicils.

Während meine Tochter einen Parkplatz suchte, stieg ich aus und begab mich zum Haupteingang. Leider waren alle Türen verschlossen und kein Hinweis auf einen neuen Verein oder sonstwas. Bin dann vorne um die Kapelle herum gegangen, aber auch hier war alles still. Dann habe ich in den Saal reingeschaut - wo evtl. das erste Treffen stattgefunden hat und Ihr dort gefeiert habt - aber man konnte nur einige Tische sehen, sonst nichts.

Mein Gefühl kann ich nicht beschreiben. Denn man steht vor diesem leeren Haus, wo früher das Lachen und der Gesang der Mädchen zu hören war, und nun ist es dort so still und man kann niemanden mehr ansprechen. Hätte ich dort eine neue Leitung vorgefunden, so hätte ich gefragt, ob man mir das Agnes-Stift - auch wenn es umgebaut ist - nochmals zeigen würde. Leider hatte ich kein Glück und werde nun das Agnes-Stift so in Erinnerung behalten, wie ich es aus meinen Jahren von 1949 - 1953 gekannt habe.

Morgen, wenn ich zum Flughafen nach Köln muss, kann ich es von der Autobahn nochmals sehen.

Euch Allen liebe Grüße aus der Stadt Bonn, die Euch für einige Zeit eine zweite Heimat wurde.

Mathilde


Vergewaltigungen und Schläge in katholischen Heimen - Erklärung von Mathilde Simeoni

Da ich von März 1949 bis Januar 1953 im St. Agnes Stift Bonn verbracht habe, möchte ich hier betonen, dass es zu dieser Zeit weder Vergewaltigungen noch Schläge gegeben hat. Die Schwestern der Christlichen Liebe versuchten mit einer gewissen Strenge - dafür hatten wir Mädchen aber kein Verständnis, sondern fühlten uns unserer Freiheit beraubt - uns mit ihrer Hilfe zur Hauswirtschaftlichen Prüfung zu führen und auf das spätere Leben außerhalb der Klostermauern vorzubereiten.

Am Leben außerhalb der Klostermauern scheiterten so einige und mussten dann wieder zurück ins Agnes Stift für weitere zwei Jahre. Auch in diesen Fällen gab es keine Schläge, sondern die die zurück kehrten - wurden natürlich mit Vorwürfen, weil sie "DRAUSSEN" versagt hatten - wieder von den Schwestern in die einzelnen Gruppen aufgenommen.
Was jetzt so alles nach so vielen Jahren von den Opfern berichtet wird, führe ich darauf zurück, dass man früher ja meistens dem Fürsorgeapparat unterstellt war und die Opfer nur einfach Angst hatten, sich irgend jemandem zu offenbaren. Bei dem damaligen Fürsorgenetz durfte man sich als Zögling nicht beschweren, denn man wurde sofort als verlogen hingestellt.

Dass diesen Opfern solche Schandtaten widerfahren sind, es aber jetzt endlich veröffentlicht wird, finde ich als gerechte Strafe für diejenigen, die daran beteiligt waren, ob Priester, Bischof oder andere Personen.

Jedenfalls kann ich versichern, dass solche Greueltaten im St. Agnes Stift Bonn nicht stattgefunden haben.

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