Erinnerungen

Nee - wat woar dat fröher schön

Im Frühjahr 1957 verschlug es mich wegen Hauskaufs mit meiner Familie nach der mittleren Römerstraße. Das nördliche Bonn war mit bis dahin ziemlich fremd, da ich seit 1935 in dem Bereich Wolf-, Dorotheenstraße , Wilhelmsplatz wohnte.

In meiner Lehre mußte ich zwar manchmal per Fahrrad, auf dem vorne ein Warenkorb plaziert war, Lebensmittel in den dortigen Bereich zu Kunden bringen. So auch in den Ubierweg, so daß ich weiß, daß er schon gegen 1936 gebaut war. Man sagte: „An der Fahnenfabrik“ wie auch „auf die Römerstraße“ und noch weiter als heute die Nordbrücke. Die wurde ja erst 1967 eingeweiht. Ich fuhr dann auf dem Reitweg der Rheindorfer Straße, der sich auf der Ostseite vor der Loëkaserne befand und zu der Husarenkaserne führte, aus der später das Bundesfinanzministerium wurde.

Auch besuchte ich mit meiner Tante (Bürfent, Wolfstraße) die „neue“ Kirche, also St. Joseph, die 1933 eingeweiht worden war. Ich kannte ebenfalls das Agnesstift, wo viele junge Mädchen Hauswirtschaft lernten. Sonntags wurden sie in Begleitung der Schwestern scharenweise ausgeführt, worüber wir jungen Mädchen lachten.

Seit dem 8. März 1936 waren die Kasernen wieder mit Wehrmacht belegt und Bonn auch Garnisonsstadt geworden. Ach, wie war das doch für ein junges Mädchen imponierend, wenn die Soldaten pfiffen, wenn man mit dem Rad vorbeifuhr. Bis in die Wolfstraße hörte ich abends um 22 Uhr den Zapfenstreich.

Vorher waren Schupos in den Kasernen, die früh um 6 singend durch die Stadt marschierten. Viel mehr war mir von Bonn-Nord nicht bekannt, außer, daß etwas weiter Rheindorf lag, wo eine Tante von mir wohnte. Die Straßenbahn Linie 1 fuhr noch bis in den Dorfeingangsbereich, erst später bis zur Schleife.

Nun mußte ich mich in dem neuen Umfeld einleben, in dem ich niemand kannte. Meine damals 5jährige Tochter besuchte den Kindergarten Marienheim und ab 1958 die katholische Nordschule. Mehr als 40 Kinder kamen in die Klasse von Frau Baptiste. Es waren die geburtenstarken Jahrgänge. Rektor war Herr Odenthal, später Herr Fassbender. Rektorin Frau Zieglers, dann Frau Obermeier.

In der Josephskirche waren Herr Wormland und Herr Vater Kaplan u.a.. Über die Kinder lernte man dann einige Nachbarn kennen. Auf der Römerstraße, uns schräg gegenüber, befanden sich der sogenannte Schulzoo, mit einer schönen gärtnerischen Anlage, außerdem die Stadtgärtnerei, die Lederfabrik und das Wilhelm-Augusta-Stift, auch Männerasyl genannt. Der Eingang zum Schulzoo befand sich gegenüber der Bäckerei Brück, damals eine Brotverkaufsstelle, später eine Bäckerei.

Geschäfte gab es im Überfluß, wie: Lebensmittel Richarz, Wolf-Flanze, die Drogerie Sickau, Obst und Gemüse - später auch Lebensmittel Möntenich und auf der anderen Seite die Metzgerei Mörtter, vorher Faßbender. Die Gastwirtschaft Bonner Berg gab es schon seit langen Zeiten. Der Wirt war Hubert Platzbecker. Mit seiner Frau legte er großen Wert auf Sauberkeit und auf gute, solide Kundschaft. Ich erlebte, es war ja genau gegenüber unserem Haus, da wollten einige Männer aus dem sogenannten „Schlößchen“ einkehren, die mit Kinderreichtum gesegnet waren. „Hubät“ stand zigarettenrauchend in der Tür, die er erst gar nicht freigab und gab von sich: „Bei mir kriet ihr nix, joht no Hus on kömmert Üch öm ür Kinder.“ So war er nun mal. Daneben hatte der Dachdecker Kapitzke das haus von Spediteur Kemann gekauft und gerade bezogen. Daneben baute Kimmel sen., der Vater von Theo Kimmel, rückwärts eine Bus-Garage und -Werkstatt und dann anschließend ein Wohnhaus.

Es dauerte nicht lange, daß die PH gebaut wurde. Im Februar 1957 war der 1. Spatenstich getan worden. Ich hatte mein Gegenüber noch als Spinatfelder kennengelernt. So dauerte es nicht lange, und die Römerstraße wurde von Studenten bevölkert. Mancher Hausbesitzer vermietete an sie, wie auch an Bundesbedienstete möblierte Zimmer, um sich ein Zubrot zu verdienen.

So kurz nach dem Krieg lebte man in bescheidenen Wohnverhältnissen, man rückte zusammen. Ich vermietete ein komplett möbliertes Zimmer für 60 DM, was noch Wäsche und Nebenkosten beinhaltete.

Neben dem Sommerbad war der Hubschrauberlandeplatz. Jeden Morgen um 10 Uhr schwebte er ein, wir konnten es von unserer Wohnung beobachten. Dies war bis Anfang der 60er Jahre. In den 50ern und 60ern kaufte man noch täglich ein. Geschäfte waren genug vorhanden und längst nicht jeder hatte einen Kühlschrank, um entsprechend zu bevorraten und erst recht keinen Gefrierschrank. Auch trug man Hut und wenn es nur bis zum Richarz war. Später wurde alles legerer.

Und erst Herr Steinhauer, täglich fuhr er zur gewohnten Zeit vor. Die Milch wurde abgemessen und dann per Alu-Kanne nach Hause geholt. Diese alte Milchkanne, wie auch den Glaskrug, mit dem wir Samstagsabends bei „Hubät“ einen Liter Bier mit Schuß holten, nahm sich meine Tochter als Andenken mit in ihren Hausstand. Herr Steinhauer hatte auch andere Molkereiartikel dabei, und Sonntags lieferte er die frische Sahne pünktlich zum Kaffee.

Das waren noch Zeiten. Rückwärtig hatten die Häuser teils große Gärten. Von Nr. 205 (unser Haus) bis 213 waren den Eigentümern noch kurz vor Kriegsende 1945 die halben Grundstücke enteignet worden, für RM 3/qm, um das Kasernengelände, an das sie grenzten, zu vergrößern. Diese konnten wir dann nach Kriegsende von der Bundesvermögensstelle pachten, solange, bis Ende der 60er Jahre der Gallierweg gebaut wurde, eine Stichstraße von der Husarenstraße zum Bataverweg. So hatten wir einen Garten, mit Obstbäumen und ziemlich ungepflegt, und wir konnten uns in ungewohnter Gartenarbeit üben. Den Kindern zur Freude (1960 wurde unser Sohn geboren) hielten wir Hühner im Freilauf und einige Kaninchen, was gute Abfall- und Resteverwerter waren. Zweimal wurden wir von ausgesetzten Katzen beglückt, die wir dann auch einige Zeit hielten. Die Arbeit hatten wie überall die Eltern. Der Garten gab soviel Obst her, daß wir es nicht alles verwerten konnten und die Birnen verkauften. Meine Tochter sagt heute noch: „So gute Birnen habe ich nie mehr gegessen.“

Und dazu erzähle ich eine Episode: In das Fenster des vermieteten Zimmers zur Straße hing ich einen Zettel „Birnen zu verkaufen, Pfund DM -,35“. Der Absatz war gut und dieses Zimmer war im Sommer an zwei Herren, Mediziner in der Klinik, einer aus Ägypten, der sich rühmte, ein Freund von Nasser zu sein, und einer aus Syrien, vermietet. Täglich war mein Zettel weg, und ich fragte warum. Sie sagten, sie hätten keine „Birnen“ zu verkaufen und zeigten auf die Birne in der Lampe. Ich stellte dann einen Teller Birnen hin mit dem Zettel „Das sind Birnen“. Nachts hörte ich meine Schwägerin, die aus der DDR zu Besuch war, von unten ein Gelächter. Seitdem blieb der Zettel am Fenster.

Hinter unserem Grundstück waren ein Feldweg und alte Mauern und hinter den Mauern alte Ställe und Gebäude der ehemaligen Kaserne. Darin hatten sich verschiedene Firmen niedergelassen aus Mangel an anderen Möglichkeiten. So die Aufzugsfirma Häfelein & Windeck, wo die Arbeiter in der Mittagspause Fußball spielten. Dann der Haushaltsgroßhandel Weller und der Schlosser Schmidt, ein ehemaliger 77er, der mit einem Bonner Mädchen verheiratet war. Nahe der Husarenstraße war die Firma Holzbearbeitung Stems. Dort klappte es nicht mit der Ventilation. Oft wirbelte das Sägemehl durch die Gegend, und mein kleiner Junge sagte: „Mutti, es schneit wieder!“ Wurde es dann Herrn Statz zu bunt, er hatte gegenüber sein Architektenbüro , so rief er an und Beschwerde sich.

Dann gab es noch den „Hermannshof“, südlich der alten Arminiusstraße gelegen, der später abgerissen wurde, obwohl kurz vorher noch Renovierungsarbeiten gemacht waren. Die Planungen sahen vor, daß sich das BMF weiter ausdehnte. Die alten Gebäude wurden abgerissen, die Arminiusstraße in Hufeisenform weiter Richtung Römerstraße durchgeführt, so daß unser Haus ein Eckhaus wurde, und man von uns erwartete, daß wir die Quadratmeter, die zwischen der Straße und unserer Grenze lagen, kauften. Das war für uns uninteressant. Man versuchte sogar, davon die Baugenehmigung der Garagen abhängig zu machen. Das BMF baute, ein großer Parkplatz entstand, auf dem die Kinder am Wochenende spielen konnten. Doch nicht lange. Als die Zeiten durch die RAF unsicher wurden, wurde eingezäunt. Bald fuhren die Limousinen ohne Stander, eher noch unauffällige Autos, so daß man keine Minister mehr ausmachen konnte.

Auch wurde die UK-Tankstelle gebaut und nach Jahren wieder abgerissen. Zuerst wurde der Gallierweg von der Husarenstraße bis zur neuen südlichen Arminiusstraße 1970 gebaut. Und später dann bis zum Bataverweg, so daß die Eigentümer ab Nr. 215 jenseits der Straße ein Baugrundstück bekamen. Auf die großen Gärten wurde auch kein Wert mehr gelegt. Vor allem war es wichtig, daß Garagen auf dem rückwärtigen Grundstück gebaut werden konnten. Ende der 70er Jahre sollten in der Arminiusstraße die Y-Häuser abgerissen werden, die Anfang der 50er Jahre für Bundesbedienstete gebaut worden waren. Die Leute wohnten dort gut und gerne. Eine Grünanlage mit einem See sollte angelegt werden. Man konnte es nur als größenwahnsinnig bezeichnen.

Herr Heinz Leinen gründete eine Bürgerinitiative „Wir wollen hier wohnen“, die von den Politikern unterstützt wurde. Auch sollten die alten städtischen Häuser verschwinden, um den Eingangsbereich zum BMI attraktiver zu gestalten. Die Häuser wurden erhalten, von den Änderungen abgesehen. Herr Leinen wurde später mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Leider läßt das Umfeld zu wünschen übrig. Anfang der 70er Jahre vergrößerte man die PH durch ein Hochhaus, obwohl es weniger Kinder und schon stellenlose Lehrer gab. Die Wirtschaft gegenüber hatte man schon lange „Hörsaal V“ getauft, sie gibt es schon lange nicht mehr.

Seit einigen Jahren wird Pädagogik nicht mehr in Bonn gelehrt. Die Institute sind anderweitig genutzt. Seit kurzem gibt es einen Studentenbus, die Linie 680, von Montag bis Freitag während der Semester, der die übrigen Linien entlastet.

Ja, wie war es sonst in den 50er und 60er Jahren, in der Zeit des Aufbaus, des „auf die Beine Kommens“, bis zu dem beginnenden Wirtschaftswunder? Es gab noch ein „Kehrmännchen“, Bonn war sauber im Gegensatz zu heute. Auch die „Dreckmännchen“ kamen pünktlich, es gab noch nicht die heutige Müllmenge. Sie vergaßen keinen, wenn wieder das „Neujährchen“ fällig war. Sie kamen 2 bis 3 mal, wenn sie niemanden antrafen. Die Buchhaltung funktionierte. Und dann der Briefträger. Man kannte sich, er kam auch 2 mal mit seiner Sendung vorbei. Es blieb ihm nicht verborgen, wenn in der Familie was gefeiert wurde, und einem Schnaps war er nie abgeneigt. Die Post kam pünktlich, das Postkartenporto betrug DM 0,20. Das Pferdefuhrwerk der Firma Streck, Geschäft und Lager in der Kölnstraße, befuhr täglich die Römerstraße zum Lager im Rheindorfer Hafen. Ecke Römer- Husarenstraße stand das sogenannte „Schlößchen“, wo viel Ausgebombte nach dem 18. Oktober 1944 unterkamen. Es wurde Anfang der 70er Jahre abgerissen. Auf dem Grundstück wurde ein Altenwohnheim gebaut, das Ende 1973 bezogen wurde. Ebenfalls begann man Anfang der 70er mit dem Abriß der gesamten Bebauung im Bereich Augustusring - Römerstraße - Grüner Weg. Dort entstanden: Augustinum, zwei Studentenwohnheime und 400 Eigentumswohnungen. Bonn-Nord könnte ca. 2.000 Neubürger bekommen haben. In der Verlängerung Grüner Weg stand rechts das Pulverhäuschen, wo ein Feuerwerker Feuerwerkskörper herstellte. Daran anschließend Schrebergärten. Bei Herrn Greuel holten wir Obst, Pflanzen und Blumen. Auf dem Gelände entstand Mitte der 80er Jahre die Rumänische Botschaft.

So hat sich in dem Ortsteil Bonn-Nord, der diese Bezeichnung seit der Gemeindeneuordnung trägt, viel getan. Altes verschwand, Neues entstand, wie überall in der Stadt und überall.

Katharina Laaß, in: Bonn-Nord - Die Wiege Bonns. Bonn 1997, S. 141ff.

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