Erinnerungen

Schulzoo

Löwe

Das waren noch Zeiten, als das Bonner Wappentier nicht nur ein steinernes Wappentier am Alten Rathaus war. Das Leben und Sterben des Löwen, der so hieß wie die Stadt selbst, füllt ganze Ordner. Aber es ist auch eine traurige Geschichte: Vor 25 Jahren verfrachtete man das Tier ins Exil, wo es nur zwei Wochen später an Heimweh und einem Herzschlag zugrunde ging.

Jüngere Bonner mögen es kaum glauben: Ja, es gab tatsächlich einen kleinen Zoo in dieser Stadt. Wo sich heute die Hochhäuser am Römerlager in den Himmel recken, war die alte Stadtgärtnerei. Weil die Gärtner tierlieb Menschen waren, brachten die Menschen dort verletzte und heimatlose Tiere hin. Und das schon bevor der Schulzoo, wie der Tiergarten überall genannt wurde, im Juni 1957 offiziell eröffnet wurde.

Was den Löwen angeht, muss zunächst mit einem Märchen aufgeräumt werden: Die Version, daß Konrad Adenauer das Tier bei einem Staatsbesuch vom äthiopischen Kaiser Haile Selassi bekam, ist schlichtweg falsch. In Wirklichkeit war der Löwe ein Geschenk von Pretoria an den damaligen Oberbürgermeister Peter Maria Busen, der die südafrikanische Stadt anläßlich deren 100-Jahrfeier besucht hatte. Außerdem waren es zwei Jungtiere, die im März 1956 in Bonn ankamen und sich mit einem Knurrkonzert einführten. Den Wert der Tiere hatten die Südafrikaner mit 30 Pfund (352,80 Mark) angegeben, und allein die Frachtkosten waren mit 36 Pfund (436,36) höher als der Wert des Geschenks.

So klein und niedlich sie mit ihren vier Monaten noch waren: "Bonn", wie das Männchen getauft wurde, und seine Gefährtin „Pretoria“ verschlangen schon kurz nach ihrer Ankunft jeweils drei Pfund Fleisch am Tag. Doch der Schulzoo hatte immer nur Pech mit seinen Löwinnen: Die erste starb 1960 bei der Geburt des Nachwuchses. Und auch „Pretoria II“ lebte nicht lange: Südafrika hatte die dreijährige Löwendame 1962 als Ersatz für das verstorbene Tier auf die Reise geschickt. Zunächst zwei Jahre im Kölner Zoo untergebracht, bis das neue Löwenhaus mit Freigehege in Bonn fertig war, ließ sich „Pretoria II“ dort mit „Simba“ ein. Mit Folgen. Doch die Geburt im Januar 1965, kurz nach ihrer Ankunft im Bonner Schulzoo verlief erneut mit Komplikationen. Und wieder starb die Löwenmutter. Das kleine Löwenkind, das als einziges durchkam, lag eines Morgens tot im Käfig: Herzschlag. Pfleger Heinz Esser, der das Jungtier immer spazieren geführt hatte, erlitt einen Schock. Der Zoo ließ danach die Finger von Löwinnen.

Übrig blieb „Bonn“. Ein großer Löwe mit prächtiger Mähne, faul und eigensinnig zwar, ein Einzelgänger, der sich wenig um seine Löwendamen gekümmert hatte. Aber die Bonner waren stolz auf ihn. „Gucken Sie sich doch das Kroppzeug in Köln und Frankfurt an, die kommen doch alle an unseren 'Bonn' nicht heran“, sagte Aloys Hansen, Vorsitzender der Tiergartenfreunde.

Auch mit der Nachbarschaft gab es keine Probleme. Nächtliches Löwengebrüll im Bonner Norden wurde geflissentlich überhört, Tiergeruch einfach ignoriert. „Das hat keinen gestört, dann haben wir die Fenster eben zugemacht“, erinnert sich Frau Gertrud Josten, die gegenüber gewohnt hatte. „Es war eine schöne Zeit“.

Ob „Bonn“ das auch so gesehen hatte? Ein Witwer, der drei Frauen überlebte, in einem engen Käfig sein Dasein fristete und am Ende an Überfettung und Muskelschwund litt? Doch so sehr die Besucher ihn mochten, so viel Respekt hatten sie vor ihm. Ein Besucher mußte nach eine Prankenschlag seine Kamera abschreiben, ein vorwitziger Tierfreund büßte bei einem Biß seinen Daumen ein. Und seine Berechtigung hatte auch das Schild vor dem Käfig („Vorsicht: Löwe näßt“).

Doch man täte dem Schulzoo unrecht, blieben die anderen Tiere unerwähnt: der häßliche Gänsegeier, der zuletzt neben „Bonn“ wohnte, der Ozelot, der eines Nachts sein Weibchen umbrachte, die Elster, die in der Nachbarschaft Schmuck stibitzte, der Affe „Mucki“, der ausbüchste, wochenlang auf Häusern herumturnte und erfolglos mit Bananen geködert wurde, und Keiler „Knurri“. „Der fraß mir aus der Hand“, erinnert sich Rita Pätzold, deren Vater die Stadtgärtnerei leitete. „Auf dem Knurri bin ich als Kind geritten. Und abends, wenn der Zoo geschlossen war, durften die Tiere raus und wir haben mit ihnen gespielt.“

Was noch fehlt, ist der traurige Teil der Geschichte: Die Kritik eines Zoologen, daß der Schulzoo ein Gefängnis für Tiere sei, war 1967 der Anfang vom Ende: Danach wurden die Überlegungen, ein Wildgehege auf der Waldau zu errichten und die Stadtgärtnerei zu bebauen, immer konkreter. Am Aschermittwoch 1971 schloß der Schulzoo.

„Bonn“ wurde vom Direktor eines Paderborner Safariparks abgeholt: Der Mann kam in Cowboykluft, Stetson und 44er Colt im Halfter. Mit einem Wasserstrahl trieb er den fauchenden König der Tiere in einen winzigen Käfig. Doch die Hoffnungen, daß er sich bei den 18 Löwinnen in Paderborn einleben würde, platzten. Das Gehen fiel dem 15 Jahren alten Herren schwer, er versteckte sich vor seinen Artgenossen und starb nur zwei Wochen später an Heimweh und einem Herzschaden. Ein Tierarzt: „Er war zu lange einsam gewesen.“

Rolf Kleinfeld, in: Bonn-Nord - Die Wiege Bonns. Bonn 1997, S. 128ff.

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