Geschichte Bonn-Castells

Zu Beginn des Mittelalters

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Das mittelalterliche innere Bonn, seit der Römerzeit das territoriale, militärische, religiöse und wirtschaftliche Zentrum des heutigen Stadtraums, entwickelte sich aus den beiden Siedlungskernen des ehemaligen römischen Legionslagers und der seit dem 5. Jahrhundert archäologisch nachgewiesenen Siedlung um die römisch-frühchristliche Grabeskirche St. Cassius und Florentius. Allein an den castra Bonnensia, mittellateinisch dem castrum Bonnense, der „Bonn-Burg“ klebte bis zur Jahrtausendwende der Name Bonn. Nach Abzug der römischen Truppen verfiel das Lager allmählich.

Als 881 die Normannen Bonn verbrannten, standen seine Mauern zwar noch, doch boten sie offenbar keinen Schutz mehr, da die Bonner Geistlichkeit mit ihren Kirchenschätzen und Heiligenreliquien nach Mainz floh, wo - anders als in Bonn - die römische Stadtmauer fieberhaft instandgesetzt worden war. Anders 892: Erneut auf Raubzug, besetzten die Normannen auf dem Weg nach Bonn Lannesdorf. Als sich ihnen hier ein christliche Heer entgegenstellte, flohen sie in die Wälder und wandten sich schleunigst nach Prüm.

Auch nach der römischen Epoche bildeten Mittel- und Niederrhein die Ostgrenze des gesicherten Machtbereichs der Merowinger und frühen Karolinger, bis Karl der Große das eroberte Sachsenland endgültig dem Frankenreich angliederte. Bonn war so lange Grenzort, hierher, in das castrum Bonna, kehrte Karls Vater König Pippin 753 von einem Feldzug gegen die Sachsen zurück. …

Bis auf den Aufenthalt Pippins lassen sich über die fünf Jahrhunderte der Frankenzeit keine Königsbesuche in Bonn nachweisen. Seit 921 haben die deutschen Könige und Kaiser dann Bonn häufiger aufgesucht. In dieses Jahr fiel das erste berühmte Ereignis nicht nur der Bonner mittelalterlichen, sondern der deutschen Geschichte, als hier nämlich der westfränkische karolingische König Karl der Einfältige und der ostfränkische sächsische König Heinrich I. einen Friedensvertrag abschlossen, … Mißtrauisch beäugten sie sich gegenseitig über den Fluß hinweg, bis sie sich von ihrer friedfertigen Gesinnung überzeugt hatten. Erst am vierten Tag kamen sie einander näher, indem sie ein mitten im Rhein verankertes Schiff bestiegen. Es ersparte jedem der beiden, das Land des anderen zu betreten, und brachte schon protokollarisch die gegenseitige Anerkennung der Grenze zum Ausdruck. Nach mittelalterlichem Verständnis war nämlich ein Fluß wie der Rhein neutraler Boden.

Tritt der Rhein im Bonner Vertrag noch als Grenze entgegen, so wurde er seit 925, als die Rheinlande endgültig an das entstehende Deutsche Reich kamen, zur politischen und wirtschaftlichen Achse des Reichs, zum wichtigsten Binnenweg vom Norden nach dem Süden, den auch die hochmittelalterlichen Könige und Kaiser auf ihrem beständigen Zug durch das Reich nutzten - übten sie doch ihr Herrscheramt im Umherziehen aus. Das Reisekönigtum des Mittelalters bescherte Bonn in den folgenden Jahrhunderten nicht weniger als 37 Herrscherbesuche, zu Pferd oder zu Schiff, Ausdruck seiner Lage am Rhein.

Nachdem das Herzogtum Lothringen endgültig in das entstehende Deutsche Reich einbezogen war, fiel die Bonn prägende Grenzlage weg. Das ehemalige Römerlager hatte seine wesentliche Funktion verloren, uns so wundert es nicht, daß es zwei Jahrzehnte später zum letztenmal erwähnt wurde: 942 tagte in „Bonna Castello“ eine große Synode von 22 Bischöfen des Ottonenreichs, über die wir allerdings nichts Näheres wissen. Wahrscheinlich nahm an der Synode König Otto der Große teil, urkundete er doch im gleichen Jahr im damals erstmals genannten Vilich.

Manfred van Rey: Bonner Stadtgeschichte kurzgefasst. Bonn 2001, S.34ff.

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