Danzig - Krakau: 1.500 km durch Polen

Grajewo - Tykocin

Etappe 11: 78,19 km

Radio Maryja
Radio Maryja

Der Abend war recht laut, die Zimmer im Westentaschenformat ließen uns die Duschgeräusche von nebenan hautnah erleben, ohne dass man nass wurde. Die Stiegen knirschten, die Zimmertüren, knallten, nichts war isoliert.

Aber eines muss noch ergänzt werden. Hier wurde zum Frühstück, das aus Rührei, Mocca, Käse und Wurst bestand, die beste Erdbeermarmelade Polens gereicht, natürlich selbstgemacht. Gäste aus Estland, Litauen, Finnland und Schweden hatten hier übernachtet.
Da stammten wir Deutschen im Vergleich aus dem südlichsten Land.

In einer Biedronka-Filiale (der Laden mit dem Marienkäfer-Logo, der zu einer portugiesischen Gruppe gehört) kauften wir ein und rollten im Sonnenschein auf die DK 65 hinaus an einer Sendestation von Radio Maryja vorbei zum Nationalpark Biebrza-Flusstal (Biebrzański Park Narodowy), dem größten Torfmoor-Gebiet Mitteleuropas, über das ausgangs des Parks Holzstege einen Einblick erlaubten.

Nein, Elche sahen wir nicht, die Wölfe und Wisente blieben uns verborgen, aber die Wälder, meist Kiefer- oder Birkengehölze waren beeindruckend dicht und dunkel. Der Weg durch den Park war im Topzustand, und Besucher gab es nur wenige. Mit großen Tafeln wurde indes vor der Afrikanischen Schweinepest gewarnt.

Kurz vor Strękowa Góra, über das der ursprüngliche Track führte, gab es einen Hinweis auf einen Radweg, der nach Tykocin führen sollte. Wir entschieden uns, ihm zu folgen, und hatten vier Kilometer weiter eine lehmige, löchrige Piste zu bewältigen. Von weiteren Hinweisen fehlte jede Spur, aber Vitali auf dem Traktor hielt an, sprang ab, schüttelte uns die Hand, redete unaufhörlich auf uns ein und wies uns die Richtung. Nach vielen Begegnungen mit sehr zurückhaltenden, mitunter geradezu verbiestert wirkenden Polen löste die arglose, freundliche Urgewalt Vitalis eine geradezu kathartische Reaktion aus. Wir fanden jedenfalls Richtung und festeren Belag. Auf einer neu angelegten asphaltierten Straße - der Straßen- und Hausbau boomt in Polen - legten wir die letzten Kilometer, den Narew überquerend, bis zur Villa Regent zurück, die uns mit jiddischer Musik empfing. Die kleine Stadt Tykocin, in der die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg ebenfalls mörderisch wütete,

besitzt einen der am besten erhaltenen historischen Stadtkerne Polens. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Tykocin eines der wichtigsten Zentren des polnischen Judentums. Heute ist es ein touristisch beliebter Ort und erhielt unter anderem eine Auszeichnung als Europäisches Storchendorf. (Wikipedia)

Nach dem Einchecken in der Villa Regent, einem ehemaligen Talmud-Haus, die neben der barocken Synagoge liegt, heute Museum für jüdische Kultur, radelten wir durch die Gassen am Kleinen Markt vorbei zum Zentrum mit kleinem Park und Dreifaltigkeitskirche. Wir ließen uns auf einer Bank nieder und schleckten genüßlich ein Softeis.

Abends aßen wir im Restaurant Suppe und Taboulé mit Hähnchenfilet, drehten noch eine kleine Runde zu Fuß und gingen ins Zimmer hoch, um den Geräuschen der Autos auf der gepflasterten Straße zu lauschen und einzuschlafen. Wenn ein LKW vorbeiratterte, klapperten indessen die Backenzähne.

Übernachtung

  • Villa Regent
    33,00 EUR ohne Frühstück

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