Durch Südosteuropa auf dem Eurovelo 8

Fier - Palasa (Tag 17)

21.07.2014: 83,18 km

Morgendliches Frühstück auf der sonnigen Terrasse und anschließend Wassereinkauf bei Carrefour. Es war schon recht heiß und es sollte heute in die Berge gehen. Wir hatten uns angewöhnt, die 1,5-Liter-Flaschen, die wir in der Regel kauften, in die Ortlieb-Taschen zu stecken. Dort waren sie wenigstens ein wenig vor der Sonne geschützt.

Die Strecke führte zunächst parallel zur Autostrada 100, war allerdings in einem üblen Zustand. Die ersten 40 km verliefen weitgehend ereignislos. Als wir hinter Levan auf die Nationalstraße 8 kamen, wurde die Landschaft karger, steppiger. In Vlorë, der Stadt, in der sich Albanien 1912 vom Osmanischen Reich für unabhängig erklärt hatte, aßen wir Eis und tranken Cola und Kaffee. In dem touristisch sehr erschlossenen Meerbadeort wird wie in anderen Adriastädten Albaniens ein Hochhaus nach dem anderen gebaut. Das Tempo, in dem jede Baulücke ausgenutzt wird, um ein Hotel, ein Appartementhaus, ein Geschäftshaus zu errichten, ist atemberaubend. Wer aber soll denn darin wohnen? Der Wechselkurs ist derzeit günstig, aber wird der reichen, um die Touristen aus Kroatien hierhin zu locken? Oder handelt es sich um Abschreibungsprojekte? Die unmittelbar am Meer gelegenen Viertel machten einen netten Eindruck. Erstmals übrigens kam uns im Kreisverkehr ein autofahrender Linksabbieger entgegen.

Pause im Schatten
Pause im Schatten

Einige Kilometer hinter Vlorë, das nur 90 km von der italienischen Küste entfernt liegt, wurde es allmählich grüner. Als wir in der Ferne schon den ersten Anstieg in Richtung des Llogara-Passes bemerkten, kamen uns zwei Tourenfahrer entgegen. Sie und er waren von Skopje aus Richtung Adria gestartet, um durch Albanien zu fahren. Die junge Frau war mit einem Hollandfahrrad unterwegs - grandiose Leistung bei den Steigungen! Kurzer Meinungsaustausch, wie unter Radlern üblich. Sie bewunderte unser leichtes Gepäck und warnte vor dem Aufstieg, der sehr beschwerlich werden würde. Tja, nun ging es an die Substanz. In einem Straßenlokal füllten wir den Zuckervorrat noch einmal mit einer Cola auf, und dann begann der anstrengende Teil der Route, der uns hoch und höher führte.

Es ging mehr oder weniger stark, aber ständig bergauf. Am Anfang folgte nach einem Aufstieg noch eine kurze Abfahrt, aber nach wenigen Kilometern ging es nur noch aufwärts. Wie ging es nach der nächsten Kurve weiter? Es ging nur noch um die Frage, steil bergauf oder weniger steil. Reichte der Traubenzucker- und Wasservorrat? Außer den Melodien im Kopf wurde unser Aufstieg musikalisch von Autohupen begleitet. Mal als Anfeuerung, mal als Warnung, jetzt bloß keinen dreifachen Rittberger auf der Fahrbahn zu versuchen, und mal als pure Identitätsvergewisserung - ja, hier bin ICH.

Die Anstrengung war natürlich absehbar. Wikipedia vermeldet:

„Der Gebirgsübergang ist Teil der albanischen Küstenstraße SH 8, die als einzige asphaltierte Straße die Ionische Küste – die Albanischen Riviera – mit dem nördlichen Albanien verbindet. Die Straße über den Qafa Llogara wurde 2008 ausgebaut und erweitert. Der ganze Gebirgszug nordwestlich vom Qafa Llogara inklusive der Karaburun-Halbinsel ist unbewohnt und kaum zugänglich."

Im Nationalpark Llogara dachten wir schon, der Aufstieg sei überstanden, aber das war ein Trugschluss. Ein Tavernenwirt, bei dem wir eine Cola tranken, sprach von weiteren 10 km, die vor uns lagen, also setzte sich die Tour der Leiden fort. Es waren nur 5 km, aber die reichten dann auch. Wir hatten in 1055 m Höhe das Gipfelkreuz erreicht, genossen die phantastische Aussicht und die Komplimemte albanischer Düsseldorfer, die uns mit ihrem in Albanien üblichen SUV irgendwann überholt hatten. „Ihr seid schon hier, wir sind doch gerade erst an euch vorbeigefahren.“ Natürlich Balsam für die Radlerpsyche.

Bei allen Strapazen ist eines nicht zu vergessen: Wir erlebten wunderbare Ausblicke aufs Meer, über die gesamte Riviera Albaniens. Das war einmalig.

Nachdem wir den Pass erradelt hatten, folgte eine himmlische 11 km lange und sehr steile Abfahrt in der Abendsonne an einem absolut kahlen Hang mit Blick auf die Bergwelt. Very impressive. War es das? Nein, es ging noch einmal hoch, wenn auch nur für kurze Zeit, dann hatten wir das Hotel Palasa erreicht.

Dort wusste niemand von einer Buchung, es gab keine Handtücher, kein Toilettenpapier, keinen Schlüssel, keine funktionierende Klimaanlage, kein Wlan - und wir waren ziemlich fertig! Dafür gab es einen jungen verspielten Schäferhund namans Nicki, der sich mit unseren Plastikflaschen vergnügte und ein Tätscheldefizit hatte. Ein Anruf bei booking.com löste einige Probleme. Als ob man an der Zeitmaschine gedreht hätte. Uns wurde der Laptop des Juniors
angeboten, die Air condition funktionierte, ein Schlüssel fand sich - gut so.

Und das Abendessen mit Salat und Spaghetti konnte sich sehen lassen, wenn wir auch, streng genommen, nicht hätten essen können, weil wir die Tischdecke auf der Terrasse festhalten mussten, da Wind aufgekommen war. Welch ein Blick aufs Meer, wow!

Übernachtung

  • Hotel Palasa
  • 44 Euro mit Frühstück
    sehr schöne Lage, einfach und sauber, gutes Essen

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