Durch Südosteuropa auf dem Eurovelo 8

Podgorica - Shkodra (Tag 13)

Am Skutarisee
Am Skutarisee

17.07.2014: 61,18 km

Heute sollte es nach Albanien gehen, genauer nach Shkodra, gute 30 km von der montenegrinischen Grenze entfernt und über 2000 Jahre alt. Das sorgte bei uns schon für leichte Spannung. Albanien - beim guten alten Onkel May das Land der Skipetaren - war für uns vor den 90er Jahren das Synonym für das abgeschottetste Land Europas, das in den 60er Jahren ein totales Religionsverbot erlassen hatte, aus dem Warschauer Pakt ausgetreten war, für einige Jahre eng mit China liiert blieb und Bunker über Bunker errichtet hatte, weil der Diktator Enver Hoxha eine Invasion befürchtete.

Im Nachhinein verhielt sich Shkodra im Vergleich zu Podgorica wie ein Ameisenhaufen zu einem leergefischten Goldfischteich. Das Leben hier wieselte von einer zur anderen Straßenseite, Autos und Fahrräder und Mofas kommen aus allen Himmelsrichtungen gleichzeitig, Hunde und Matratzen tragende Männer im Kreisverkehr fanden ihre Lücken, das Chaos hat seine eigenen Regeln gefunden. Es war faszinierend.

In Shkodra
In Shkodra

In der Fußgängerzone tranken wir nachmittags leckeren Frappé, während gleichzeitig albanische Popmusik erklang und der Muezzin sich mühte, Gläubige anzulocken. Dieses Nebeneinander von legerem Laissez-faire und religiöser Ernsthaftigkeit fanden wir immer wieder, nicht nur in Albanien, sondern auch in Mazedonien zum Beispiel. Fast schien es, als böte sich hier für salafistische Propagandisten weit weniger Menschenfischerpotenzial als im kölschen Rheinland.

Das Hotel Tradita fanden wir mithilfe einiger Albaner, die ehedem in Deutschland oder Frankreich gearbeitet hatten und uns aus den gut besuchten Cafés Hilfe anboten, übrigens immer verbunden mit einem maskulinen, einen Männerbund stiftenden Händedruck.

Das Abendessen im Hotel Tradita entsprach albanischer Tradition und wurde von einem sehr aufmerksamen Kellner für uns zusammengestellt. Schon beim Eintreffen hatten wir zwei übrigens zwei kühle "local beers" bekommen und im kühlen Innenhof genossen.

Zurück zum Anfang der Tour in Podgorica. Das Frühstück war so làlà, und auf immer enger werdenden Straßen ging es aus Podgorica hinaus. Anders als gestern hielten sich die Hupereien in Grenzen. Hier schien man sich damit abzufinden, dass Gemeingüter, wie Straßen, von mehreren beansprucht werden dürfen. Wir passierten zahlreiche Wein- und Obstplantagen und trafen in Tuzi, unweit des Skutarisees, ein, wo wir über den Markt fuhren. Ein Hof voll von wiederverwertbaren Restmüllgegenständen, frische Fische auf dem Asphalt zur Auslage, überall ärmlich wirkende Menschen, die sich dem Marktleben widmeten.

Die montenegrinische Währung ist der Euro, früher war es die DM. Wir fragten uns schon, ob die Montenegriner überhaupt mit dem Euro zurecht kommen. Manches schien uns sehr teuer zu sein, vieles bewegte sich in einem mitteleuropäischen Preisniveau. Auf der anderen Seite machten wir die Erfahrung, dass viele die Metallmünzen begehrten, dem papierenen Geld vielleicht misstrauten oder es sich gar nicht leisten konnten?

Hinter Tuzi wurde es zunächst sehr einsam, es gab kaum Autoverkehr. Zahlreiche tote Schildkröten auf den Straßen bewiesen allerdings, dass die Tiere diesen Zustand missdeutet hatten. Dann kamen wir in ein Naturreservat rund um den Lake Shkodra, also dem Skutarisee, finanziert von Prinz Albert von Monaco, das absolut idyllisch wirkte: Vögelgezwitscher, Granatäpfelbäume, sehr still.

Ein Lkw-Stau kündigte die Grenze an und nach umständlicher Prozedur waren wir im Land der Skipetaren. Entgegen den Mayschen Erzählungen erlebten wir keine Überfälle aus entlegenen Bergen, sondern fuhren auf einer bestens ausgebauten Straße an ungezählten Tankstellen und einer immensen Zahl von hübschen kleinen Lokalen mit angeschlossenen Autowaschanlagen vorbei. Alle 200 m gab es eine solche Lavadzi, die nicht maschinell, sondern manuell betrieben wurde.

Auskunftsbereite und hilfreiche Menschen hatte wir heute kennen gelernt. Schauen wir mal, wie es morgen sein wird. Der erste Tag in Albanien war schön, und an der Müllvermeidung und -trennug wird in Zukunft sicher noch gearbeitet werden. Könnte mal jemand ein Pfandsystem einführen?

Übernachtung

  • Hotel Tradita
  • 56 Euro mit Frühstück
    sehr schönes, altes Hotel, hofähnliche Anlage, sehr gutes traditionelles Abendessen und Frühstück, schönes Zimmer, keine Klimaanlage, jederzeit wieder

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